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von Heiko Schmid
Veröffentlicht am 15.05.2009 Artikel drucken
im Rahmen der Ausstellung
Astrid Busch und Alexandra Schumacher - Pleasure Beach (24.04.-23.05.2009)
Let´s misbehave 2
20.05.2009 20h
Videoscreening in Kooperation mit dem n.b.k. Video-Forum,
ausgewählt von Kathrin Becker
mit Arbeiten von:
Marc Aschenbrenner
Discoteca Flaming Star
Eléonore de Montesquiou
Hioharu Mori
BjØrn Melhus
Annika Eriksson
Corinna Schnitt
Marc Aschenbrenner
Zweite Sonne, 2005
7:07 min.
Die Performances und Videoarbeiten des 1971 in Linz geborenen und in Berlin lebenden Künstlers Marc Aschenbrenner entführen den Betrachter in ein geheimnisvolles und phantastisches, bisweilen auch unheimliches Paralleluniversum, aufgeladen mit einer vielschichtigen Symbolik. Die Arbeit “Zweite Sonne" beschreibt eine filmische Metamorphose. Vom traumatischen Geburtsakt aus schwarzem Dunkel sieht man den mit einem Gummianzug bekleideten Künstler schließlich, nachdem er durch Wasser und über Erde gerobbt ist, an einem Ballon aufgehängt in der Luft schweben. Erinnert die Anfangsszene, in welcher der Künstler vergeblich ein Gebirge aus Plastikplanen zu erklimmen versucht an die Strafe des Sysiphos, gemahnt die Schlussszene des frei Schwebenden an das Schicksal des Ikarus. So ist der Traum vom Fliegen und der Wunsch des Entschwindens auch hier von kurzer Dauer: Die Fäden des dünnwandigen Fluggerätes zerreißen wie eine Nabelschnur, und der Ballon entschwebt als zweite Sonne am Himmel davon.
Discoteca Flaming Star (Cristina Gomez Barrio / Wolfgang Mayer)
Anger and Depression, 2004
3:00 min.
In dem musikclipartigen Video/ Anger and Depression/ von Discoteca Flaming Star, die ihre musikalisch künstlerischen Live Performances als “Hardcore Karaoke" bezeichnen, sind die beiden Akteure zu glamourösen Vampiren mutiert, die ihren Groll und ihre Depression - eingebacken in einer blutigen Torte - einfach aufessen. Hier wird das Element der Konsumption, das üblicherweise ganz dem Außen zugeschrieben ist, zum Schlüssel für die Bewältigung der Probleme in der Innenwelt, die einfach zum Verschwinden gebracht werden.
Annika Eriksson
Anagram, 2001
6 min.
Die 1956 im schwedischen Malmö geborene Künstlerin Annika Eriksson hat seit mehreren Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Berlin. Sie setzt sich in ihrem Werk mit Prozessen, Bewegungsabläufen und Strukturen innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe auseinander, die sie aus längerer Zusammenarbeit gut kennt, seien es Angestellte eines Betriebs, eines Museums, Musiker eines Orchesters etc. Die Personen werden durch die Künstlerin angeregt, eine für sie ungewohnte Handlung vor der Kamera auszuführen bzw. eine Vorführung zu inszenieren. Für “Anagram" arbeitete Eriksson mit den körperlich und geistig behinderten Mitgliedern der Malmöer Theatergruppe MOOMS. In einer einzigen Kameraeinstellung und ohne jeglichen Schnitt filmt die Künstlerin die mit Tanzmusik untermalte rhythmische Choreografie der Gruppe.
Eléonore de Montesquiou
NUR, 2004
4:30 min.
Die 1970 in Paris geborene Künstlerin Eléonore de Montesquiou setzt sich in ihren Arbeiten immer wieder mit der Beziehung zwischen geografischen Grenzen und Identität auseinander. Sie hat neben Frankreich lange Zeit in Österreich, Estland und Deutschland gewohnt und bewegt sich somit immer wieder in verschieden Kultur- und Sprachräumen. Diese Erfahrungen lässt sie in ihre Arbeiten auf sensible und liebevolle Art, jedoch mit formell reduziertem Vokabular einfließen. “Nur" ist der Name eines Strandes am kaspischen Meer im nördlichen Iran. Frauen baden dort bekleidet und mit Kopftuch. Paaren ist es nicht erlaubt, gemeinsam zu baden. “Nur" ist die Geschichte einer Frau und ihrer zwiespältigen Rolle. Spielt sie, kämpft sie oder gibt sie sich einfach nur ihren Badenfreuden hin? Auf einer zweiten Ebene stellt diese Arbeit auch einige prinzipielle Frage an den Zuseher: Soll man, darf man Stellung beziehen? Wie objektiv ist unsere Stellungnahme? Wie groß der kulturelle Einfluss? Verführen uns nicht der Schnitt und Musik zu einer bestimmten Lesart?
Bjørn Melhus
No Sunshine, 1997
6:14 min.
Der norwegische Videokünstler Bjørn Melhus wurde 1966 in Deutschland geboren. Er wuchs mit dem Massenmedium Fernsehen auf und adaptiert in seinen Arbeiten immer wieder Elemente aus US-amerikanische Serien, Shows und Filmen. In seinen tragikomischen Videos und Filmen thematisiert er auf unterschiedliche Weise Begegnungen und Dialoge, hierbei verkörpert er stets seine Figuren selbst. In dem von Musikvideo- und Werbefilmästhetik geprägten Video “No Sunshine" spielt Melhus zweimal zwei identisch aussehende Personen, die in kurzen Pop-Song-Phrasen im Duett - miteinander, gegeneinander und direkt der Kamera zugewandt - kommunizieren. Es sind infantile Körper, die in einem virtuellen Raum zu schweben scheinen, der zugleich ihre eigene Innenwelt ist. Komplett rot eingefärbt, mit künstlichen Haaren und in hautengen Anzügen, erinnern sie an menschliche Klone in Science-Fiction-Fernsehserien. Selbstverliebt und geschlechtsneutral beobachtet und kommentiert das eine Paar mit aufgeregt kindlich-naiver Stimme das andere - äußerlich identische - Paar, das offenbar schlimme Dinge miteinander treibt, aber als obskures Objekt verdrängter Sehnsüchte eine unbekannte, gefährliche Attraktion ausübt.
Hiroharu Mori
Defocused Story, 2004
4: 37 min.
Der 1969 in Yokohama geborene und heute in Tokio and New York lebende Künstler ist einem europäischen Publikum spätestens seit der Teilnahme an der Arsenale-Ausstellung der Venedig Biennale von 2007 bekannt. Im Zentrum der Videoarbeit “Defocused Story" steht die Erzählung des Protagonisten von seinem versehentlichen Benutzen eines U-Bahn-Wagens in Tokio, der während der Rush-Hour speziell Frauen vorbehalten ist, um diese gegen sexuell motivierte Übergriffe von männlichen Fahrgästen zu schützen. Die Arbeit repräsentiert eine ambivalente Isolation von Männer und Frauen und thematisiert darüber hinaus dem Komplex von Isolation und Schutz.
Corinna Schnitt
Once Upon a Time, 2005
25 min.
Wie bereits in früheren Arbeiten untersucht Corinna Schnitt in “Once upon a time" die Grenzen der Künstlichkeit zivilisatorischer Normwelten und verknüpft eine fast wissenschaftliche Akribie der Kameraführung mit humorvollen Details in der Bilderzählung. Eine Kamera kreist langsam perpetuierend um ihre eigene elektrisch betriebene Achse inmitten eines penibel aufgeräumten bürgerlichen Wohnzimmers. Nichts scheint die Ruhe dieses Ambientes zu stören bis der Raum langsam von Tieren bevölkert wird. Auf Augenhöhe der Tiere verfolgt die Kamera das Geschehen in präziser Gleichmäßigkeit und gewährt der BetrachterIn eine ungewöhnliche Perspektive inmitten der zunehmenden Unordnung. Mit stoischem Instinkt bemächtigen sich die Vierbeiner des menschlichen Territoriums und verwandeln es sukzessive in ein “tierisches" Chaos. Das gänzlich vom Menschen verlassene Wohnzimmer wird zur Drehbühne auf der sich ein Paradestück der Verhaltensmuster der Arten studieren lässt, die bisweilen komisch und absurd wirken, vor allem dann, wenn sie allzu “menschlich" erscheinen.
Weitere Informationen finden Sie unter
www.stedefreund-berlin.de