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von Carla Orthen
Veröffentlicht am 30.04.2008 Artikel drucken
Die Ausstellung STABILE UNRUHE im CON-SUM / Düsseldorf präsentiert eine Auswahl an Künstlerinnen, die in den letzten Jahren von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurden.
Stabilität ist der für uns immer wieder anzustrebende Zustand nach einer Phase der Störung, Schwäche oder – Unruhe. Stabile Verhältnisse werden herbeigesehnt und verordnet in Politik, Wirtschaft und Psychologie. Ein stabiler Kurs verspricht an der Börse ebenso Hoffnung auf Erfolg wie bei politischen Wahlen. Ist eine Partnerschaft stabil, hat sie ihre größte Krise überwunden. Ein Patient in stabilem Zustand ist außer Lebensgefahr, und auch die stabile Seitenlage hat schon so manchen vor dem Tod bewahrt.
Bei der Wiederherstellung von Gleichgewicht, Beständigkeit, Sicherheit und Kontrolle scheint die Unruhe größte Widersacherin der Stabilität zu sein, ist sie doch der Störfaktor, den es zu beheben gilt. Zugleich ist Unruhe der unverzichtbare Motor menschlicher Entwicklung, denn sie sorgt für Revolution, Reflexion und Kreativität.
In der Ausstellung liefern die Antonyme Stabilität und Unruhe in ihrer Unvereinbarkeit wie gegenseitigen Bedingung die Angriffsfläche für acht künstlerische Beiträge, die einerseits sehr heterogen sind, andererseits thematische wie formale Verweise und Blickachsen eröffnen:
Elvira Hufschmids Video Rede ans Volk dokumentiert kein bedeutendes politisches Ereignis, sondern ist ein Versuch, die Aufmerksamkeit des Publikums auf unmittelbare und unkonventionelle Weise zu gewinnen.
Foto aus: Elvira Hufschmid (Video), Monike Lilleike (Performance), Rede ans Volk, 2007, 4:45 min DV Video
Auf der Berliner Automobil-Verkehrs-und-Übungs-Straße AVUS spricht, schreit und gestikuliert die Performancekünstlerin Monika Lilleike mit vollem Stimm- und Körpereinsatz gegen den vorbeirasenden Autobahnverkehr an. Ihre Rede besteht aus improvisierten Sprachfetzen, die sich aus der Situation vor Ort entwickeln. Die eigentliche Zuschauertribüne gerät zur Rednerbühne und die Autobahn zum ungefragten Publikum.
Beate Rathke und Christine Woditschka kombinieren in Passing Suburbia Western-Klischees mit einer typischen Vororts-Atmosphäre, in der für gewöhnlich nichts, aber auch rein gar nichts passiert.
In einer langsamen Kamerafahrt zieht die kulissenhafte Fertighaus-Architektur deutschen Durchschnittsbürgertums vorbei und wird allein durch kurze performative Handlungssequenzen unterbrochen: Drag King Cowboys okkupieren das heteronormative Terrain, jedoch scheinen auch sie gelangweilt: Eine Ironie auf die Träume vom Eigenheim und überkommenen Männlichkeitsidealen.
In ihrem Film Name, Alter, Geschlecht spielt Gaby Wiegelmann das beamtische Befragungsprocedere bei ernüchternden Behördengängen an einer Reihe von Personen durch, die in unterschiedlichen Geschlechteridentitäten vor die Kamera treten. Am Ende eines nur scheinbar eintönigen Frage-und-Antwort-Marathons erfahren wir über deren Individualität mehr als über rein bürokratische Kategorisierungen.
Bipolare Geschlechtereinteilungen und Dichotomien heben sich auf. Auch in dem Video Konjugation der Axiomatik geht es Wiegelmann um individuelle Wesensmerkmale, die hier hinter wissenschaftlichem Name- Dropping und Fremdwörter-Drescherei zum Vorschein kommen.
Das formale Durchkonjugieren ist Thema des Skulpturenarrangements von Inge Schmidt: Ihre Schnittstücke sind vom Boden aufragende Stelen, die sich homogen als dicht gestellte Gruppe präsentieren.
Die schlanken Hölzer sind direkt gearbeitet und bleiben – bis auf die Lasur – unkaschiert. Der sich Nähernde erkennt die unterschiedliche Schnittrhythmik im Detail und die modulierende Wirkung des Lichts auf Material und Gestalt. Der erste Eindruck eines statischen, archaischen Ordnungsgefüges weicht der Erfahrung von Variation, Bewegung, Spiel und Offenheit.
Acryl, Edding, Schellacktinte, Grafit, Pastellkreide, Farbspray auf Folie, Papier, Leinwand, MDF, Spiegel, Karton… Katja Pudors Raumcollagen sind ein gewaltiger Farb- und Materialrausch, der über Wände und Zweidimensionalitäten hinauswächst. Pudor schöpft aus ihrem eigenen Referenzsystem, indem sie alte Arbeiten in neue integriert. Bild- und Textfragmente beziehen sich darüber hinaus auf Quellen aus Film, Literatur und Werbung.
Das collageartige Vorgehen lässt fantastische Kosmen aus feiner Zeichnung, scharfen Comic-Konturen, zart Ornamentalem bis hin zu stark gestischer Malerei entstehen. Für STABILE UNRUHE verdichtet die Künstlerin Frauenbildnisse mit Artefakten und Cut Outs zu einer biografischen Landschaft.
Im Fokus von Bianka Buchens künstlerischer Untersuchung steht der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg und seine Veränderung im Zuge sozialer Umstrukturierungen: Ein Symptom für aktuell weltweit unter dem Begriff der Gentrifikation kursierende Tendenzen in der Städteplanung. In dem Langzeitprojekt Veringstr. 10-30 porträtiert die Künstlerin den steten Wandel einer Einkaufsstrasse und verdichtet installativ Charakteristika der Geschäftsausstattungen, Ladenbesitzer, Produkte und Preise.
Mit Besetze Deine Stadt, Bz Din By! bezieht sich Buchen auf die Häuserkämpfe in Kopenhagen und entwirft in Form einer kartografischen Raumcollage eine Topografie sozialer Kämpfe in der Stadt.
Ulrike Mohr hinterfragt in ortsbezogenen Projekten städtebauliche Normierungen und soziale Gefüge. In ihren Feldforschungen simuliert sie wissenschaftliches Vorgehen und gelangt zu scheinbar fundierten Messergebnissen, die überraschende Verbindungen zwischen Menschen und Orten ermöglichen.
Für STABILE UNRUHE // führt sie Antennen in einer skulpturalen Konstruktion zusammen, deren Sensoren in einem kugelförmigen, kristallinen Geflecht ineinander greifen.
Die übliche Funktionalität, die bei Radiound Fernsehstationen durch eine gezielte Senderausrichtung gewährleistet ist, wird hier ad absurdum geführt. Slightly Paranoid lässt sich als Verweis auf unsere Gesellschaft lesen, in der jederzeitige Sendungsund Empfangsbereitschaft erwartet wird und es schwer fällt, relevante von irrelevanten Informationen zu filtern. Die Künstlerin greift Ordnungen auf, um Veränderungen zu bewirken.
Betty Pabst legt in der Installation Freie Variable den Fokus auf Menschen, die seit Jahren mit Duldung in Deutschland leben, ohne Aufenthaltserlaubnis oder bedingungsfreiem Bleiberecht und stets abhängig von Aufenthaltsgesetzen und deren Auslegung durch die Behörden. In einer Audio-Collage lässt sie Betroffene von ihrer Situation erzählen, die gekennzeichnet ist von der Bereitschaft, nach langem Arbeitsverbot auch die schlechtesten Bedingungen anzunehmen.
In einer Bildsprache, die über das Dokumentarische hinausgeht, stellt Pabst in ihren Fotografien die Ambivalenz von Arbeitszwang und Arbeitsverbot und die individuelle Bedeutung von Arbeit zur Debatte.
Die Ausstellung wird kuratiert von Carla Orthen, freie Kuratorin und Leiterin der Galerie Stedefreund, Berlin. Die Hans-Böckler-Stiftung ist das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des DGB.
Sie ist in allen ihren Aufgabenfeldern der Mitbestimmung als Gestaltungsprinzip einer demokratischen Gesellschaft verpflichtet. Nach dem Prinzip „Gleiche Bildungschancen für alle“ vergibt die Hans-Böckler-Stiftung Stipendien für das Studium und die Promotion, unterstützt die berufliche Orientierung und den Übergang in den Beruf.
Bianka Buchen * 1963 Wuppertal, Ausbildung zur Schriftsetzerin
2003 Diplom Freie Kunst, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, lebt in Hamburg
Elvira Hufschmid 2002 Diplom Bildhauerei, Hochschule der Bildenden Künste Saar
New Genres San Francisco Art Institute, lebt in Berlin
Ulrike Mohr * 1970 Tuttlingen, Studium Freie Kunst / Bildhauerei Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Academie of Fine Arts, Trondheim, Norwegen, lebt in Berlin
Betty Pabst * 1976 Studium Fotografie, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, lebt in Leipzig
Katja Pudor * 1965 Berlin, 2004 Diplom Freie Kunst / Malerei, Kunsthochschule Berlin Weißensee, lebt in Berlin
Beate Rathke Ausbildung als Steinmetzin, Studium Freie Kunst / Bildhauerei, Kunsthochschule Berlin Weißensee
Urban Studies Program, San Francisco Art Institute, lebt in Berlin
Inge Schmidt * 1944 Studium der Bildhauerei, Staatliche Hochschule für Bildende Künste / Städelschule, Frankfurt, lebt in Köln
Gaby Wiegelmann Bildhauerin und Videokünstlerin, Studium Hochschule für Kunst und Design, Halle Michaelis School for Fine Art, Kapstadt, lebt in Berlin
Eine Ausstellung mit Stipendiatinnen der Hans-Böckler-Stiftung
Kuratiert von Carla Orthen
Eröffnung: Samstag, 17. Mai 2008 / 20 Uhr
mit einer Begrüßung von Dr. Wolfgang Jäger, Geschäftsführer der HBS,
und einer Einführung von Carla Orthen
18.05. – 15.06. 2008 / Do + Fr 16 – 20 Uhr / Sa + So 14 – 18 Uhr
Sonntag, 18. Mai / 15 Uhr
Besetze deine Stadt! - BZ din BY!
Lesung mit Bianka Buchen und Peter Birke
Sonntag, 8. Juni 2008 / 16 Uhr
The way things look
Performance, Videoscreening
Präsentation des Ausstellungskatalogs
back-raum im CON-SUM
Ronsdorfer Str. 77a / D – 40233 Düsseldorf
U 75 Richtung Eller, Vennhauser Allee / Halt Ronsdorfer Str. (5min ab Hbf)
www.stabileunruhe.de