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Veröffentlicht am 18.01.2007 Artikel drucken
Eröffnung der neuen Ausstellungen der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln - 2. Februar bis 6. Mai 2007
Henry Wessel
(Raum 1)
In einer rund 130 Arbeiten umfassenden, retrospektiven Ausstellung präsentiert die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur das Werk des amerikanischen Photographen Henry Wessel (*1942) und gibt damit erstmalig in Europa die Möglichkeit zur umfassenden Betrachtung seiner über Jahrzehnte erarbeiteten Originalphotographien. Wessel hat seit Mitte der 1960er Jahre ein vielschichtiges und beeindruckendes Œuvre geschaffen, das von Beginn an durch sein Interesse am amerikanischen Lebensraum Gestalt annimmt.
Henry Wessel: Kalifornien, 1973
Die vielfach auf einfache, leise und leicht zu übersehende Begebenheiten gerichteten Photographien Henry Wessels zeugen von seiner Intuition und seinem treffsicher visuellem Gespür, die Dinge formal überzeugend, beschwingend wie poetisch abzubilden.
Im photographischen Werk von Henry Wessel ist das spezifische kalifornische Licht ein maßgebliches kompositorisches wie atmosphärisches Element geworden.
Seit er 1969 dem grauen New Yorker Winter nach Kalifornien entfloh, hat ihn die Faszination des Lichtes nicht mehr losgelassen.
In der Werkgruppe "California and the West" fasst Henry Wessel seine zentralen Ideen und Motive über einen Zeitraum von den 1960er bis in die 1990er Jahre zusammen. Zu seinen bevorzugten photographischen Motiven gehören die typisch leere, wüstenähnliche Landschaft Kaliforniens und des amerikanischen Westens, die allgemein verbreiteten Architekturen und Straßen der Wohngebiete, aber auch die sonnigen Gärten der Häuser mit ihren Bepflanzungen, Zäunen und Terrassen oder Szenerien, die er während Paraden oder am Strand eingefangen hat.
Weitere, ebenfalls in vergleichbarem Zeitraum entstandene Aufnahmen sind in der Werkgruppe "Odd Photos" (1968-2002) zusammengefasst. Die Bezeichnung "Odd" impliziert Begriffe wie ’gelegentlich’, aber auch ’ungewöhnlich’, ’sonderbar’ oder ’skurril’. Damit ist schon angedeutet, dass in dieser Werkgruppe kontrastierende Bildthematiken, vom Portrait und Interieur bis zum landschaftlichen Ausschnitt, vorkommen, die für sich stehen und die dennoch assoziativ, formal-kompositorisch oder inhaltlich miteinander verknüpft werden.
In den "Odd Photos" zeigt sich besonders der lakonisch-feinsinnige Humor von Henry Wessel. Zufall, Spontaneität und Chaos des Alltäglichen finden in seinen Bildern eine natürliche Akzeptanz.
Henry Wessels Interesse am Licht spiegelt sich antagonistisch in der photographischen Serie "Night Walk" (1995-1998). Er hat diese Aufnahmen während der Nachtstunden auf ausgedehnten Spaziergängen durch die Wohngegenden von Los Angeles erstellt. Hier ist es die Dunkelheit, die im Kontrast zu den entweder künstlichen Lichtquellen oder dem Licht des Mondes die Beschaffenheit der Häuser und der Vegetation in einem klaren, dennoch magischen und bisweilen theatralischen Ausdruck hervorbringt.
Eine andere Bildreihe, die in der Ausstellung präsentiert ist, entstand zwischen 1990 und 1992 in der Gegend um Richmond/Kalifornien, wo Henry Wessel seit den 1970er Jahren ansässig ist. Aus seinem höher gelegenen Auto heraus, einem Pick-up, hat Henry Wessel hier in sehr systematischer Weise Wohnhäuser photographiert, wobei er jedes einzelne mittig im Bild platzierte. Diese in Farbe realisierte Serie mit dem Titel "Real Estate Photographs" erinnert in ihrer Charakteristik an die registrierenden Werbeaufnahmen einer Agentur für Immobilien.
Die jüngste, in der Präsentation vorgestellte Serie konzentriert sich auf die Stadt Las Vegas, die in ihrer künstlich wirkenden Architektur zahlreiche berühmte europäische, aber auch amerikanische Bauwerke in einem stilistischen Pluralismus imitiert. Henry Wessel arbeitet hier wie in den "Real Estate Photographs" ausschließlich mit dem Medium der Farbphotographie.
Henry Wessel gehört zu den Vertretern der New Topographics. Neben unter anderem Robert Adams, Bernd und Hilla Becher oder Stephen Shore war er in der legendären Präsentation 1975 in Rochester vertreten. Bereits 1971 hat Wessel ein Guggenheim-Stipendium erhalten, ein weiteres erfolgte 1978.
Schon 1973 war er mit einer Einzelausstellung in Museum of Modern Art vertreten. Seine Lehrtätigkeit am San Francisco Art Institute erstreckte sich insgesamt über drei Jahrzehnte.
Im San Francisco Museum of Modern Art wird von Januar bis März 2007 eine retrospektive Ausstellung mit Arbeiten von Henry Wessel zu sehen sein. Anlässlich beider Ausstellungen wird von der Galerie Thomas Zander, Köln, ein Katalog im Steidl Verlag herausgegeben, VK 48 Euro.
Petra Wittmar: Medebach. Photographien 1979 - 1983
(Raum 2)
Das Werkkonvolut stellt die Dokumentation des Ortes Medebach im Sauerland dar, dem Heimatort der Photographin Petra Wittmar. Neben Ansichten von Häusern, Straßenzügen, kleineren Plätzen und Landschaftsabschnitten umfasst das Langzeitprojekt ebenso Innenraumaufnahmen, die eine unmittelbare Idee vom Leben der jeweiligen Einwohnerschaft geben, direkte Portraits von Menschen fehlen jedoch.
Im Zentrum des Projektes von Petra Wittmar steht die Untersuchung der Strukturen und die Entwicklung vom dörflichen zum kleinstädtischen Leben.
Das Interesse der Photographin an diesem Thema wurde geweckt, als sich der Ort ihrer Kindheit im Laufe der 1970er Jahre zu verändern begann und ein vermeintlich modernes Aussehen erhielt, Unspezifisches und Austauschbares hielt Einzug in eine historisch gewachsene Lebenswelt.
Kaum aber hatten sich neuartig standardisierte Baunormen und Geschmacksvorstellungen durchgesetzt, ließ sich eine dem scheinbar entgegen gesetzte Sehnsucht nach "Heimat" und individuellem Glück im ländlichen Winkel beobachten.
Daraus ergaben sich ästhetische Brüche sowie kulturelle und gesellschaftliche Widersprüche, die Fragen der Identität aufwarfen.
Petra Wittmar hat ihre Motive in konzentriert ruhiger Einstellung mit zurückgenommener Lichtgebung aufgenommen, ihre nüchterne und sachliche Bildsprache kommt bis ins Detail zum Tragen. Der konsequente Verzicht auf Verklärung des Objekts und die große formale Stringenz machen die Qualität dieser Bildserie aus, die als deutsche Reaktion auf die amerikanische Bewegung der "New Topographics" gelesen werden kann. Hier liegt ein wichtiger Anknüpfungspunkt zu den photographischen Werken von Henry Wessel oder Lee Friedlander, die beide dem Thema des ‚Social Landscape’ verbunden sind.
Petra Wittmar, geboren 1955 in Medebach, studierte Photographie an der Folkwangschule in Essen. Seither arbeitet sie als freischaffende Photographin an Projekten zur europäischen Architektur des frühen 20. Jahrhunderts und zu Themen des urbanen und suburbanen Raums. Petra Wittmar lebt in Essen.
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Steidl Verlag, VK 32 Euro.
Lee Friedlander: The American Monument
(Raum 3)
Zu den berühmtesten Serien des Photographen Lee Friedlander (* 1934) zählt "The American Monument", die anlässlich der 200-Jahr-Feier der USA im Jahr 1976 in einer großformatigen Publikation erschien. Die Photographische Sammlung präsentiert zu diesem Thema eine Auswahl von rund 20 hochkarätigen Vintage Prints, die sie für den eigenen Bestand erwerben konnte, verbunden mit Leihgaben der Galerie Thomas Zander, Köln.
Für "The American Monument" hatte Lee Friedlander über viele Jahre hinweg an zahlreichen amerikanischen Orten historische Denkmäler und Monumente in ihrem urbanen, architektonischen oder landschaftlichen Umfeld aufgenommen, ein Fundus von mehreren tausend Aufnahmen entstand.
Doch entgegen der Erwartung, die der Titel der Werkgruppe hervorruft, visualisiert Lee Friedlander weniger die identitätsstiftende Wirkung und Stattlichkeit der Plastiken, sondern schließt vielmehr erfrischend autonom ihre Positionierung, den bisweilen dominierenden baulichen oder banalen Kontext mit ins Blickfeld ein. So begegnet der Betrachter einer intelligent relativierenden Betrachtungsweise, die zur Auseinandersetzung über die Funktion der Motive anregt, sie respektvoll, kritisch wie humorvoll und zuweilen mit leiser Ironie reflektiert.
August Sander: Das Siebengebirge
(Raum 4)
Vorgestellt wird in dieser Kabinettausstellung ein Konvolut von zwölf Photographien, die August Sander (1876 - 1964) um 1930 im Siebengebirge aufnahm und in einer repräsentativen Mappe zusammenfasste. Exemplarisch verdeutlicht sie nicht nur die großen Leistungen des Photographen auf dem Gebiet der dokumentarischen Landschaftsphotographie, sie unterstreicht zudem, dass die Landschaft neben dem Bereich des Portraits ein für ihn ebenso wichtiges und verwandtes Tätigkeitsfeld darstellte.
Betrachtet Sander die Landschaft, so erforscht er darin zugleich ein Miteinander vieler zusammenwirkender Faktoren, seien sie natur- oder kulturgeschichtlicher Art. Von erhobenem Standort sucht er die charakteristischen Züge des Siebengebirges aufzuzeichnen, fängt spezifische Licht- und Wolkenformationen ein, dokumentiert Vegetation und Atmosphärisches, beschreibt den Verlauf des Rheins mit seinem regen Schiffsverkehr und gibt Ansichten von landwirtschaftlichen und örtlichen Bebauungen, bis hin zum Wahrzeichen der nahe liegenden Großstadt, dem Kölner Dom, der relativ klein am beinahe unendlich sich erstreckenden Horizont einer Aufnahme erkennbar wird.
Dann wieder wechselt Sander den Blickpunkt, und verschiedene Landschaftsstücke oder landesspezifische Kulturdenkmale werden in unmittelbare Nähe vor Augen gerückt, so die Klosterruine Heisterbach oder eine altgermanische Opferstätte bei Niederdollendorf.
Wie in seinem berühmten Portraitwerk, geht es Sander also nicht um eine idealisierende Darstellung seiner Motive im Einzelbild, sondern um eine lebensnahe und sachliche Aufzeichnung des fokussierten Themas in einer Reihe von typischen Aufnahmen, die vielseitig Aufschluss über den Gegenstand in seiner spezifischen Reichhaltigkeit ermöglicht.
Gerne möchten wir auf einen literarischen Abend am Donnerstag, 22. März um 19.30 Uhr, im Rahmen der Henry Wessel-Ausstellung hinweisen: Axel Gottschick, Schauspieler unter anderem am Theater am Bauturm, trägt ausgewählte Texte internationaler Autoren in deutscher und englischer Sprache vor, die sich auf Kalifornien beziehen, aber auch um Themen wie Unterwegssein und Ankommen kreisen.
Ausstellungen geöffnet täglich außer mittwochs, 14 bis 19 Uhr
Eintritt: 4,50 Euro (ermäßigt 2 Euro) - montags freier Eintritt
Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
Im Mediapark 7
50670 Köln
Tel.: 0221/226 5900
Fax: 0221/226 5901
www.photographie-sk-kultur.de