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von Gabriele Conrath-Scholl und Claudia Schubert
Veröffentlicht am 11.10.2006 Artikel drucken
Art Cologne 1. bis 5. November 2006
"Portrait und Menschenbild" - Sonderschau der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln
Zeitlich Bezug nehmend auf das 40-jährige Bestehen der Art Cologne setzt die diesjährige Sonderschau, die dem Bild vom Menschen in der Photographie gewidmet ist, in den 1960er-Jahren an und führt das Thema bis in die heutige Zeit weiter.
Hierbei kommen unterschiedliche thematische, ästhetische und zeitliche Aspekte aus Bereichen wie Star- und Prominentenphotographie, Bildjournalismus, künstlerische Photographie und street photography zum Tragen. Im Vordergrund steht der Ansatz des Dokumentarischen mit seiner sachlich-konzeptuellen Ausrichtung, die August Sander in den 1920er und 1930er Jahren so überzeugend und mit nachhaltigem Einfluss auf die Portraitphotographie formuliert hat.
Die Beobachtung des Menschen und seiner Individualität, der als Person der Öffentlichkeit oder des Privaten doch zumeist in seiner Zeit und seinem Umfeld verhaftet ist, ist ein faszinierendes und weit ausgreifendes Feld, in welchem besonders dem Medium der Photographie geradezu ideale Möglichkeiten zur Verfügung
stehen.
Die Ausstellung präsentiert aus dem Bereich der Star- und
Prominentenphotographie exemplarische Werke von 1960 bis in die 1980er-Jahre, so unter anderem von Richard Avedon (1923-2004), Anton Corbijn (*1955) und Jim Rakete (*1951) sowie eine Auswahl von Robert Lebecks (*1929) bekannten Portraits der Filmschauspielerin Romy Schneider.
Auf dem Gebiet des Bildjournalismus und der thematisch ausgerichteten Reportage zeichnen sich die 1960er-Jahre durch eine große Vielfalt aus. Während Will McBride (*1931) authentisch wie sensibel vor allem das Lebens- und Freiheitsgefühl einer jugendlichen Generation bis ins Private hinein einfängt, hat René Burri (*1933) in seinem berühmten Photoessay "Die Deutschen" ein atmosphärisch dichtes Bild der Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Befindlichkeiten vor dem Hintergrund des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen.
Historische Momente spiegeln sich unter anderem eindrücklich in den auf einzelne Persönlichkeiten oder den politischen Dialog konzentrierten Aufnahmen der langjährigen Redaktionsphotographin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Barbara Klemm (*1939).
Die Verortung des Einzelnen in der Gesellschaft reflektiert das in den 1970er-Jahren begonnene und konzeptuell angelegte Portraitwerk von Gabriele und Helmut Nothhelfer (beide *1945). Ihre Photographien entstehen bis heute zumeist bei öffentlichen Ereignissen, Volksfesten oder Prozessionen.
Die von den Nothhelfers erreichte bildnerische Intensität und klare ästhetische Setzung kann als ein Verweis auf jüngere photographische Positionen wie jene von Bernhard Fuchs (*1971) oder Jitka Hanzlová (*1958) betrachtet werden. Bei beiden ist die Konzentration auf eine Person überzeugend weitergeführt worden.
Dieser Ansatz schließt das Lebensumfeld der Dargestellten zwar ein, wird aber besonders in solchen Photographien deutlich, die den privaten Familienkreis in Augenschein nehmen, so in Bildern von Christian Borchert (1942-2000), Martin Rosswog (*1950) und Thomas Struth (*1954). Sehr konsequent richtet Thomas Ruff (*1958) seine Kamera auf das Gesicht seiner Modelle. Er adaptiert in seinen ganz auf den Kopf und das Gesicht konzentrierten großdimensionierten Farbphotographien das gängige Passbildformat.
Das Gesicht mit all den physiognomischen Eigenheiten wird so zur lesbaren Fläche. Das Spannungsverhältnis von Persönlichem und Konformem wird in den vorgestellten Werken zur Diskussion gestellt.
Einen gänzlich anderen Auftritt hat der Mensch im photographischen Genre der street photography. Mit Garry Winogrand (1928-1984), Lee Friedlander (*1934) und dem weniger bekannten New Yorker Photographen Leon Levinstein (1910-1988) hat sie eine genuin amerikanische Ausprägung erfahren, die in Werken internationaler Künstler wie Beat Streuli (*1957) oder Philip-Lorca diCorcia (*1953) eine aktuelle Weiterführung findet. In ihren Aufnahmen wandelt sich die Straße zunehmend zur Bühne.
Eine zentrale Persönlichkeit in der Portraitphotographie ist Diane Arbus (1923-1971). Ihr Oeuvre wurde vor allem durch die einfühlsame wie treffende Darstellung von Randexistenzen bekannt, jenen, die abseits der sogenannten Normalität leben.
Ihr komplexes Werk strahlt in viele Richtungen aus, und die beunruhigende Fremdheit, die von den abgebildeten Exzentrikern und Außenseitern ausgeht, scheint auch in Bildnissen durch, die Arbus von gut situierten und gesellschaftlich integrierten Bürgern aufgenommen hat.
Die Dokumentation "Tulsa", 1971, von Larry Clark (*1943), eine Milieustudie des von Drogenkonsum, Gewalt und Sexualität geprägten Lebens der Freunde des Photographen, zeichnet sich durch eine beeindruckende Direktheit und Offenheit aus. Nan Goldin (*1953) wird ein Jahrzehnt später ein an Nähe und Intensität vergleichbares Werk beginnen. Sie hält ihr eigenes Leben, ihre Freunde und ihr New Yorker Umfeld, dort besonders Bars, Diskotheken oder die Lokale der Transvestiten, bis in intime emotionale Momente und Situationen hinein fest.
"Portrait und Menschenbild" ist ein Zeitspiegel, eine Plattform, auf der sich unterschiedliche Blickwinkel treffen, auf der historische wie formale Bezüge in Kommunikation treten und wo photographische Ikonen neben weniger Bekanntem neu entdeckt werden können.
Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur dankt allen Leihgebern, Künstlern und der Kölnmesse für die gute Zusammenarbeit.
Es werden Aufnahmen gezeigt von Diane Arbus, Richard Avedon, Tina Barney, Christian Borchert, René Burri, Henri Cartier-Bresson, Chargesheimer, Larry Clark, Anton Corbijn, Philip-Lorca diCorcia, Rineke Dijkstra, Ed van der Elsken, Larry Fink, Lee Friedlander, Albrecht Fuchs, Bernhard Fuchs, Nan Goldin, Jitka Hanzlová, Sarah Jones, Barbara Klemm, Werner Kohn, Robert Lebeck, Leon Levinstein, Will McBride, Daido Moriyama, Stefan Moses, Nicholas Nixon, Gabriele und Helmut Nothhelfer, Martin Parr, Jim Rakete, Dirk Reinartz, Judith Joy Ross, Martin Rosswog, Thomas Ruff, Max Schirner Agentur, Martin Schmidt, Rosalind Solomon, Joel Sternfeld, Beat Streuli, Thomas Struth, Wolfgang Tillmans, Garry Winogrand.