ArtikelübersichtArtikel verfassen
Veröffentlicht am 07.07.2009 Artikel drucken
Gabriele und Helmut Nothhelfer - Momente und Jahre
Ausstellungslaufzeit: 24. Juli bis 8. November 2009
Eröffnung: Donnerstag, 23. Juli um 19 Uhr
Gabriele und Helmut Nothhelfer interessieren Freiräume im Alltag, in denen der Mensch seinem Privatleben nachgeht, und die den Ort für Lieblingsbeschäftigungen oder Tagträume bilden. In der Anfangszeit war die Arbeit des Künstlerpaares gesellschaftskritisch motiviert. Sie entstand mit der Absicht, den Menschen die Problematik einer zunehmend entfremdeten Freizeit vor Augen zu führen, die mehr und mehr unter den Einfluss wirtschaftlicher und politischer Kräfte zu geraten drohte.
Doch im Kontext der sich verändernden ästhetischen, medienspezifischen und zeitgeschichtlichen Bedingungen erhielt dieser sozialkritische Aspekt allmählich einen anderen Stellenwert. Inzwischen wollen die Nothhelfers ihre Photographien ohne theoretische Voreinstellung betrachtet wissen, allein kurze, prägnante Titel informieren über den spezifischen Anlass, den Ort und das Entstehungsjahr der Aufnahmen.
Dame beim Pfingstkonzert im Zoologischen Garten, Berlin 1974
© Gabriele und Helmut Nothhelfer, VG Bild-Kunst, Bonn 2009Gabriele Nothhelfer, geb. Zimmermann, wurde wie Helmut Nothhelfer 1945 geboren. Sie stammt aus Berlin, er aus Bonn. 1967 treffen sie sich an der traditionsreichen Berliner Lette-Schule, schließen dort eine photographische Ausbildung ab und gehen 1969 zu Otto Steinert an die Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Bald beschließen sie jedoch, einen eigenständigen Weg einzuschlagen.
Besonders interessierte sie damals das Medium Film und kurzfristig sah es so aus, als wollten sie die Photographie zugunsten des Filmemachens aufgeben. Doch sowohl methodische wie finanzielle Gründe sprachen dagegen. Zwei Experimente von 1972, gedreht auf Super 8 und mittlerweile digital umgespielt, gibt es allerdings noch. Erstmals wird einer dieser Kurzfilme in der Ausstellung zu sehen sein.
Seit Anfang der siebziger Jahre arbeiteten Gabriele (1972–-2006, Technische Universität Berlin) und Helmut Nothhelfer (1971-–2006, Freie Universität Berlin) als wissenschaftlich-technische Photographen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Broterwerb und künstlerische Arbeit hielten sie streng voneinander getrennt. Das Bonner Elternhaus von Helmut Nothhelfer blieb ein wichtiges Domizil, doch wurde Berlin zum zentralen Wohnort.
Turnerinnen vor der Bildwand „Pariser Platz 1945“, Deutsches Turnfest Berlin, Pariser Platz 2005
© Gabriele und Helmut Nothhelfer, VG Bild-Kunst, Bonn 2009Das Künstlerpaar erlebt alle bedeutenden politischen Ereignisse in der nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren geteilten Metropole hautnah mit: 1967/68 die großen studentischen Demonstrationen, 1989 die Maueröffnung, 1991 die Wiederernennung Berlins zur Hauptstadt.
Jedes Bild, das sie seit 1973, dem Jahr ihrer Hochzeit, unter gemeinsamer Autorenschaft für die Veröffentlichung freigeben, durchläuft bei ihnen einen intensiven Betrachtungs- und Befragungsprozess. Während der verschiedenen Phasen der Bilderarbeitung, der Entwicklung, Vergrößerung, Goldtonung, Trocknung sowie des Gesprächs, prüfen die beiden Künstler die Wirkungskraft jeder einzelnen Aufnahme. Heute umfasst die zur Veröffentlichung ausgearbeitete Reihe von Gabriele und Helmut Nothhelfer 128 Schwarzweiß-Photographien, es ist die Essenz ihres über drei Jahrzehnte währenden Schaffens.
Die Photographien der Nothhelfers oszillieren zwischen den scheinbar gegensätzlichen Vorgehensweisen der arrangierten Atelieraufnahme und des spontanen Schnappschuss-Verfahrens. Sie vereinen in sich kompositorische Stringenz und die intuitive, unmittelbare Reaktion auf eine gegebene Situation.
Mit der Ausstellung Momente und Jahre, die Photographien von 1970 bis 2008 zeigt, wird erstmals das gesamte Schaffen des Künstlerpaars vorgestellt. Bereits 1977 nahmen Gabriele und Helmut Nothhelfer an der documenta 6 teil, die, von Klaus Honnef und Evelyn Weiss kuratiert, erstmals den Bereich Fotografie, Film, Video einbezog. Das erste Buch der Nothhelfers, Zwischenräume, erschien 1983 in Zusammenarbeit mit der Kölner Galerie Wilde, in der gleichzeitig eine Einzelausstellung stattfand.
1993 fand unter dem Titel Lange Augenblicke im Rheinischen Landesmuseum Bonn einer Ausstellung statt, die von einer weiteren Monographie begleitet wurde. Zwischen 1976 und 2008 nahmen Gabriele und Helmut Nothhelfer an über 20 Gruppenausstellungen im In- und Ausland teil, ihre Photographien sind in international wichtigen Sammlungen vertreten.
Die Nothhelfers haben ein deutsches Gesellschaftspanorama geschaffen, das berechtigterweise schon vielfach Assoziationen zu jenem in den zwanziger Jahren bekannt gewordenen Portraitwerk Menschen des 20. Jahrhunderts von August Sander hervorgerufen hat. Auch für das Künstlerpaar der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts gelten Sachlichkeit, Vorbehaltlosigkeit, Geschichtsbewusstsein, ästhetisches Empfinden und Präzision, psychologisches Gespür und methodische Konsequenz als Voraussetzung ihrer Arbeit.
Es erweist sich also als durchaus folgerichtig, dass die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, zu deren Hauptbeständen das August Sander Archiv zählt, 166 originale Photographien von Gabriele und Helmut Nothhelfer, das um die so genannte ruhende Serie erweiterte Werk, im Jahre 2005 erworben hat.
Zur aktuellen Ausstellung Momente und Jahre erscheint im Schirmer/Mosel Verlag ein Buch mit 128 Tafeln und weiteren Abbildungen, herausgegeben von der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur, Köln. Mit Texten von Gabriele Conrath-Scholl/Claudia Schubert, Volker Scherliess und Gabriele und Helmut Nothhelfer.
Am Sonntag, 26. Juli um 15 Uhr findet eine Sonderführung mit Gabriele und Helmut Nothhelfer durch die Ausstellung statt.
Hans Eijkelboom - Paris - New York - Shanghai
Ausstellungslaufzeit: 24. Juli bis 8. November 2009
Mit der Ausstellung Paris - New York - Shanghai werden erstmals Arbeiten des niederländischen Konzeptkünstlers Hans Eijkelboom (*1949) in Köln vorgestellt. Paris - New York - Shanghai ist Teil seines von 1992 bis 2007 streng methodisch durchgeführten Projektes Photo Notes, was auf täglich entstanden Photographien beruht.
Die künstlerischen Wurzeln von Hans Eijkelboom liegen in der Konzeptkunst der siebziger Jahre, so war er neben Dan Graham, Douglas Huebler und Robert Smithson einer der Teilnehmer der wegweisenden Ausstellung Sonsbeek 71 in Arnheim, in der unterschiedliche Ansätze der damals hochaktuellen und international diskutierten Konzeptkunst präsentiert wurden. Dieser kommt hinsichtlich einer Medienreflexion der Photographie eine wichtige Rolle zu, sind hier die dokumentarischen Methoden des Mediums in künstlerische Programme eingebunden.
Paris - New York - Shanghai
© Hans Eijkelboom, courtesy the Aperture Foundation New YorkIn Hans Eijkelbooms frühen Arbeiten steht die systematische Erkundung seiner eigenen Person im Vordergrund. In Identity, 1976, hat er beispielsweise zehn Personen, die er als Jugendlicher kannte und die er zehn Jahre nicht gesehen hatte, nach ihren Erinnerungen an ihn und Vorstellungen über ihn befragt. Ihre Antworten hat er in Form von Photographien dargestellt, in denen er ihren jeweiligen Vorstellungen nachkommt, sei es als Elektriker, politischer Aktivist, Hippie oder Pilot.
An diesem Projekt verdeutlichen sich grundlegende Komponenten von Eijkelbooms Werk: Zum einen ist es die Frage nach der Identität des Einzelnen und anhand welcher Kriterien sich diese erkennen bzw. definieren lässt, zum anderen ist es ein starkes soziales Moment, das der Künstler zum Beispiel in Form von Gesprächen mit anderen immer wieder in seine Arbeiten einfließen lässt.
So hat Eijkelboom in seinem Projekt Hommage an August Sander, 1981, Passanten in seiner holländischen Heimatstadt Arnheim gebeten, ihm bestimmte Typen- oder Personengruppen zu nennen, die besonders auffällig, repräsentativ oder einfach nur als Teil der Gesellschaft das Stadtbild prägen. Von diesen sollten dann anschließend drei Beispiele in der Stadt ausfindig gemacht werden.
Ausgehend von der unmittelbaren Beobachtung der ihn umgebenden Welt, geht Hans Eijkelboom in seinen photographischen Serien Fragen der Individualität und ihrer Parameter in der Gesellschaft nach - ein Themenkomplex, dem er in der ausgestellten Serie Paris - New York - Shanghai unter globalen Vorrausetzungen nachzukommen sucht.
Jede der von ihm bereisten Metropolen steht für eine bestimmte Ära in der Geschichte der Moderne. Während Paris die Avantgarden des 19. Jahrhundert assoziiert, ist New York Synonym für die aufstrebenden insbesondere baulich-technischen Innovationen des 20. Jahrhunderts und Shanghai schließlich weist auf zwar noch ungewisse, aber sich wohl in neuen Dimensionen abspielende Szenarien der Zukunft. Haben diese geschichtsträchtigen oder zukunftsweisenden Metropolen in all ihrer Vielfältigkeit einen Reflex auf ihre Bewohner, scheint Hans Eijkelboom zu fragen, und wenn ja, wie lässt sich dieser visuell erfassen und bemessen? Und gibt es einen Unterschied zwischen den Bürgern der Städte, die sich zudem noch auf verschiedenen Kontinenten befinden?
Die Suche nach Antworten führt den Künstler direkt in die Städte hinein, er geht auf die Straßen und mischt sich unter die Menschen. Nach einer gewissen Zeit der Beobachtung hat sich Eijkelboom für einen Typus oder ein bestimmtes Merkmal entschieden, welches er dann in dem definierten Zeitrahmen von zwei Stunden mit unbeobachteter Kamera photographiert.
Dies können jugendliche Paare, Männer in dunklen Geschäftsanzügen oder Frauen mit Modeaccessoires wie Handtaschen oder Sonnenbrillen sein, die er im Bild festhält und anschließend zu vergleichenden Reihen mit Aufnahmen aus allen drei Metropolen zusammenstellt. Erstaunlich sind die Ähnlichkeiten, die die photographischen Untersuchungen von Hans Eijkelboom erkennen lassen - die Strukturen der globalen Massenproduktionen scheinen gegriffen zu haben und dennoch wird insbesondere im Detail der persönliche Ausdruck transparent.
In dem gleichnamigen 2007 bei Aperture, New York, erschienenen Künstlerbuch ist diesem Konzept in gestalterischer Hinsicht sehr einfallsreich Rechnung getragen worden.
Am 19. September um 19 Uhr wird Hans Eijkelboom in der Ausstellung über seine Arbeit sprechen.
Weitere Informationen finden Sie unter
www.sk-kultur.de