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von Gerd Schütte
Veröffentlicht am 16.06.2009 Artikel drucken
Noch bis zum 8. August 2009 zeigt Galerie Schütte die "Dieselbigkeit" mit neuen Fotoarbeiten von Thomas Hannappel.
Von der Edition "Dieselbigkeit", 2009, von Thomas Hannappel, Bildformat 14 x 18 cm, Blattformat 20 x 30 cm, Print, Auflage: 20 Expl., sind noch einige Exemplare zum Preis von EUR 60,00 (mit Passepartout und Rahmen € 100,00) erhältlich. Nach Ende der Ausstellung ab 9.8.2009 beträgt der Preis € 90,00 bzw. mit Rahmung € 150,00.
Thomas Hannappel, "Dieselbigkeit #1 - #8", je Bildformat 40 x 50 cm, Blattformat 60 x 70 cm, Print, Auflage: je 12
"Der folgende Ausspruch der Bildhauerin Isa Genzken spiegelt treffend den künstlerischen Ansatz, den Thomas Hannappel in seinen Arbeiten verfolgt, nämlich: „Skulptur spielt sich heute im Spannungsfeld zwischen einer Neubauwohnung und einem traditionellen Monument ab“. Und in der Tat bewegen sich seine Arbeiten an einer ähnlich beschaffenen Grenzlinie.
Den Fotografien Thomas Hannappels gehen stets temporäre Installationen in Gestalt kon-struierter, kulissenartiger Szenen voraus. Im Medium der Fotografie bringt er diese Inszenie-rungen als ausschnittartigen Blick zur Ansicht. Bei erstem Hinsehen handelt es sich hierbei um scheinbar gewöhnliche Sujets ebenso herkömmlicher Räume: Arrangements aus Alltags-gegenständen, Möbeln und Requisiten, die in ihrem Zusammenwirken die Illusion von Räu-men ergeben.
Diese Installationen werden aus einem bestimmten Blickwinkel fotografiert und anschließend zerstört. Fortan bestehen die Räume nur noch in Gestalt von Fotografien. Die Bilder sind durch eine Senkrechte geteilt, an der zwei verschiedenartige Raumgefüge anein-ander stoßen. Diese senkrechte Linie wird zu einer visuellen ‘Sollbruchstelle’ und der Blick-winkel des Betrachters einer planvoll organisierten Vorgabe unterworfen: Da es nur einen Punkt gibt, von dem aus sich beide Bildhälften exakt aneinander fügen lassen und damit als ein Bild einsichtig werden, ist dieser einzig mögliche Blickwinkel, der des Künstlers.
Hannappels aktuelle Arbeiten provozieren mit der Frage „Was sehen wir tatsächlich?“ und rühren wie nebenbei an den Grundlagen der Wahrnehmung von Raum. Eine erste nahe lie-gende, aber keineswegs banale Antwort lautet: „Wir sehen das, was uns der Künstler zu sehen gibt“. Diese Frage nach der Wahrheit berührt bei der Fotografie stets den Realitätsbezug des Sichtbaren. Denn durch die Möglichkeit der Manipulation und Simulation stellen Fotos längst nicht mehr bloße Abbilder der Realität bereit. Damit ließe sich also sagen: Was wir sehen, dient offensichtlich nicht nur dazu, etwas zu (ver-)bergen, sondern es birgt sich selbst.
Der Raum stellt sich zwar selbst aus, hierbei aber auch selbst in Frage; in den Fotografien von Thomas Hannappel ist er nun selbst zum Rätsel geworden. So ist das, was er uns zu sehen gibt, eine fotografische Erzeugung, die sich nicht auf Vorhandenes, sondern auf Konstruiertes bezieht. Zudem markiert der an den Mittelsenkrechten der Bilder sichtbar gewordene ‘Riss im Raum’ die Sollbruchstelle zwischen realem und imaginiertem Raum, der so nur im Medium der Fotografie Gestalt anzunehmen vermag. Die Reflexion des medial vermittelten Verhält-nisses zwischen realer Welt und Bildwelt rückt ins Zentrum. Indem Hannappel den realen Abbildungsprozess durch Konstruktion und Inszenierung konterkariert, macht er die Schnitt-stellen zwischen Realität und Illusion ebenso erfahrbar, wie jene zwischen zweidimensionaler Fläche und dreidimensionalem Raum.
Man kann diese Fotografien als listenreiche Reflexionen auf die Täuschungsmechanismen von Bildmedien und deren Bedeutung für die Raumwahrnehmung verstehen. Mit Hannappel könnte man zudem die Frage stellen, ob es überhaupt eine Wirklichkeitserfahrung jenseits des Bildes gibt. Denn was wir wirklich über die Natur jenes Sachverhaltes erfahren, der allgemein ‘Wirklichkeit’ genannt wird, ist minimal. Und das brachte schon Paul Virilio in seiner „Ästhe-tik des Verschwindens“ auf den Punkt: „Man darf seinen Augen nicht mehr trauen“. – In der Tat, denn alles andere wäre Ideologie und Angelegenheit der Interpretationskultur."
- Einführungsrede, von Dirk Steimann anläßlich der Vernissage vom 16. Mai 2009
Weitere Informationen finden Sie unter
www.galerie-schuette.de