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von Jan Frontzek
Veröffentlicht am 13.10.2008 Artikel drucken
Zum dritten Mal findet in Berlin der Europäische Monat der Fotografie, eines der wichtigsten Festivals internationaler Fotografie, statt. Mit über 130 Ausstellungen präsentiert sich im November 2008 ein kulturelles Highlight in der Hauptstadt. Als Veranstaltungsort ganz neu dabei sind die Uferhallen, ein Kunst- und Kulturzentrum im Berliner Stadtteil Wedding. Hier, in den Hallen des ehemaligen BVG Bus-Betriebshofs, präsentieren sich fünf Ausstellungen aus dem Spektrum der zeitgenössischen Fotografie.
Im Zentrum dieser Ausstellung steht das Fotografieprojekt „Die Annahme von Werten“.
Sechs Fotografinnen mit sechs künstlerischen Positionen untersuchen in diesem gemeinsamen Projekt je einen Werteaspekt mit fotografischen Mitteln. Die Fotografinnen hinterfragen mit ihren Arbeiten nicht nur das gegenwärtige Wertemodell, sondern tragen auch dazu bei, den Begriff „Werte“ in seiner Vielschichtigkeit in lebendige Bilder zu verwandeln und ihm damit gerecht zu werden.
Nic - das Monster, Nora Bibel
Nora Bibel ist für ihr Projekt „Nic – das Monster“ weit gereist. Im Maramures, dem nördlichsten Teil Rumäniens, nahe der ukrainischen Grenze, bekommen Jugendliche, die in Deutschland gescheitert sind, eine zweite Chance. Bibel begleitete und dokumentierte diese Jugendlichen mit schweren Verhaltensauffälligkeiten und die Umgebung. In einer zweiten Ebene ihrer Arbeit vor Ort hat sie die Jugendlichen nach ihren Werten befragt und zeigt die Antworten parallel zu ihren Fotos.
Bärbel Möllmann zeigt die Installation „Der Wert des Einzelnen“. Hierbei werden rechteckige Leuchtkästen präsentiert, die stellvertretend für den Begriff »Werte« als Stolpersteine offen im Raum stehen. Die abgebildeten Fotografien zeigen die Gegenstände, die den Interviewpartner einen Wert bedeuten. Über Kopfhörer kann der Betrachter in persönliche Gespräche zwischen der Fotografin und Maxim, dem Leadsänger der Gruppe K.I.Z., Nika, der Prostituierten, oder einem Diakon vor der Priesterweihe hineinhören, um zu erfahren, warum ihnen persönlich die genannten Werte wichtig sind.
Uta Neumann umschreibt in „Was ist“ den Moment der Machtlosigkeit gegenüber der eigenen Vergänglichkeit. Der Anlass für diese sehr persönliche Arbeit war der Tod ihres Großvaters und dessen leeres Haus. Sie interessierte dabei das Unausgesprochene und Verborgene dieser Ausnahmesituation. Neumanns Bilder von Räumen und Portraits beklemmender Nacktheit evozieren Gefühle zwischen Angst, Sehnsucht und Mut.
Kerstin Parlows Arbeit „Drei Lieder“ ist strukturell als Untersuchung von Musik mit visuellen Mitteln angelegt. In einer Kombination aus Texten und Fotografien übernehmen die Bilder den instrumental melodischen Teil, dessen Wurzeln tief in den Bereich des Unbewussten eindringen. Klangfarben finden ihre Entsprechung in der Farbigkeit ihrer Bilder. In den so entstandenen drei Geschichten beleuchtet Parlow die drei Religionen Hinduismus, Islam und Buddhismus.
Sabine Schründer beschäftigt sich in ihrer Arbeit "intrude (into)" mit Aspekten von Sicherheit und untersucht assoziativ das Terrain zwischen Gefahr und Kontrolle, Sicherheit und Freiheit: Begriffe, die einander bedingen und ineinander greifen. Sicherheit ist nicht objektiv, sondern ein vorrangig subjektiver Zustand, den Schründer als Konstrukt entlarvt.
Marei Wenzel öffnet Türen zu ihren Protagonisten und erzählt deren persönliche Geschichten von Berlin, die gewissermaßen Inszenierungen ihrer eigenen Lebensideale sind. Den Fokus richtet sie auf die leisen, dunklen und unspektakulären Situationen, die von Sehnsüchten und Werten erzählen, die eng verbunden sind mit dem privaten Rückzugsort des Einzelnen. Diese Bilder zeigen wohlgestaltete private Bühnen, die ihre Umgebung reflektieren, indem sie sie vergessen machen wollen. “Die Stadt” zeigt den Wert des Privaten, das Inszenieren der eigenen Verschrobenheiten – jeden Idealvorstellungen der Allgemeinheit zum Trotz.
Marei Wenzel: Die Bar © 2006 Marei Wenzel
Die Ausstellung „Die Annahme von Werten“
eröffnet am Samstag, dem 8. November um 19 Uhr
und ist bis zum 13. Dezember immer dienstags bis sonntags von 12 bis 19 Uhr zu sehen.
Ferner findet im Rahmen dieser Ausstellung in den Uferhallen am Freitag, dem 21. November um 19 Uhr eine Podiumsdiskussion in Kooperation mit dem Magazin Chrismon geplant. Als Teilnehmer sind angefragt:
- Dieter Glietsch, Polizeipräsident von Berlin,
- Nika, ehemalige Prostituierte, Stellvertreterin Hydra e.V.,
- Bert Schumann, Dipl. Sozialarbeiter, Leiter Kinder- und Jugendprojekt Maramures, Rumänien,
- Hans-Ulrich Fluss, Ureinwohner von Berlin-Kreuzberg,
- Dr. Jochen Wenzel, ehemaliger Vizepräsident
des Bundesgerichtshofes,
- Abdul Adhim Kamouss, Prediger an der Al-Nur-Moschee, Berlin-Neukölln und
- Prof. Andreas Beaugrand, Prof. für Kunst-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.
Für die Moderation des Podiumsgespräches hat Lukas Wallraff von der TAZ zugesagt.
Weitere Informationen finden sie unter folgenden Links:
www.dieannahmevonwerten.de
www.mdf-berlin.de/ausstellungen