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Veröffentlicht am 06.08.2010 Artikel drucken
Joachim Brohm: Culatra, Boot Nr. 1, 2008
© Joachim Brohm, VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, in Zusammenarbeit mit der Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum
Laufzeit: 18. September bis 12. Dezember 2010
Eröffnung: Freitag, 17. September um 19 Uhr
In der Ausstellung Joachim Brohm. COLOR werden mit insgesamt rund 120 Exponaten verschiedene Bildkonvolute vorgestellt, die zwischen 1980 und 2010 in Deutschland, Frankreich, den USA, Portugal und Japan entstanden sind. Darunter befindet sich eine nennenswerte Anzahl von Photographien, die parallel zu seinen bekannten Werkgruppen aufgenommen wurden, doch erst jetzt zum ersten Mal gezeigt und publiziert werden.
Einbezogen sind etwa die einzig noch vorliegenden frühen Abzüge Joachim Brohms Aufnahmen von Kleingärten aus dem Ruhrgebiet (1980) ebenso wie ausgewählte Bilder aus den Reihen Ruhr (1980-1983), Küste (1981/82), Paradis (1982), Ruhrstadt (1988-1992), Ohio (1983-1984), Areal (1992-2002), Japan (2006) und Culatra (seit 2008).
Joachim Brohm (*1955), der seit vielen Jahren in Leipzig lebt und an der dortigen Hochschule für Graphik und Buchkunst in der Lehre und als Rektor tätig ist, hatte sich schon während seiner Studienzeit an der Universität Essen GHS/Folkwang dazu entschlossen, mit dem Medium der Farbphotographie zu arbeiten. Anders als die Schwarzweiß-Photographie, die als künstlerisches Medium schon lange international eingeführt war, hatte die Farbphotographie zu Beginn der 1980er-Jahre in Europa und Deutschland kaum Einzug gehalten. Doch wurde sie an den Hochschulen in Essen und Düsseldorf, insbesondere vor dem Hintergrund von Katalogen und Monographien aus den USA als neu zu entdeckende Ausdrucksform diskutiert.
Auch der damalige Kontakt zu Michael Schmidt und den mit ihm verbundenen international aktiven Berliner Kreis erwies sich für Joachim Brohm als einflussreich und erweiterte sein photographisch-künstlerisches Umfeld. Folgerichtig ging er nach Ende seines Studiums in Essen 1983 für ein Jahr an die Ohio State University, Columbus, und studierte ergänzend bei Allan Sekula und Jonathan Green.
In Ohio sollte er in nächster Umgebung der aktuellen amerikanischen Diskussion über Photographie folgen und in Reaktion darauf, eine eigene praktische Arbeit umsetzen, die ein besonderes Pendant zu jenen Bildern lieferte, die er zuvor etwa im Ruhrgebiet mit ähnlichem Impetus aufgenommen hatte. Seine Vorläufer waren William Eggleston, William Christenberry, Stephen Shore oder Joel Meyerowitz.
Joachim Brohm: Taxi, aus Ohio, 1983-84
© Joachim Brohm, VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Die während des Studienaufenthaltes in Ohio entstandene Werkgruppe wird in der aktuellen Ausstellung in ihrer Gesamtheit gezeigt. Joachim Brohm schildert in diesen Bildern allerdings weniger ein glanzvolles Amerika, ein Land unbegrenzter Möglichkeiten, als eines, das eine allenfalls durchschnittliche Existenz gewährleistet, wenig schmuckvoll und eher morbide ist. Menschen kommen nur vereinzelt vor. Gezeigt werden Durchgangsstraßen, Hinterhöfe, Parkplätze und scheinbares Niemandsland, wobei es ihm Automobile besonders angetan haben. Doch auch sie spiegeln nur bedingt den Mythos von Freiheit, Abenteuer und PS-Stärke. Eher sind es von der Zeit gezeichnete Nutzfahrzeuge.
Die Zeichen der Zeit zu lesen, sei es in individuellen Gestaltungsmomenten oder in großflächig sich verändernden landschaftlichen oder baulichen Strukturen ist seit Beginn seines Schaffens eines der Hauptanliegen von Joachim Brohm und kennzeichnet auch die in den 1980/90er Jahren im Ruhrgebiet entstandenen Photographien. Darunter befinden sich auch jene Bilder, für die sein Werk besonders bekannt wurde: Unprätentiöse Panoramen, städtische Randzonen, Ansichten von Vegetation, Straßen und Strukturen, von Autos oder kleinfigurig dargestellten Menschen, die sich irgendwo zwischen Badeanstalt und Brachland bewegen, wiedergegeben in einer austarierten Farbigkeit zwischen zurückhaltenden Neutraltönen und punktuell bunt Leuchtendem.
Konzentrierte sich Joachim Brohm immer wieder auf triviale Momente urbanen Geschehens und auf beinah unmerkliche Spuren, Abdrücke und Hinterlassenschaften sich überlagernder Lebensumstände, so bot ihm die photographische Studie Areal, die er zwischen 1992 und 2002 durchführte, nochmals in anderer Weise Gelegenheit, Phänomene eines Status Quo und des Prozesshaften bildnerisch zu erfassen.
In vielen hundert Aufnahmen dokumentierte er die Veränderung eines Geländes im Norden von München, von der ursprünglich industriellen Nutzung hin zu einer Büro- und Wohnungsbebauung. Die von Brohm vorgenommene photographisch-topographische Studie zielt aber nicht primär auf eine Darstellung des linearen, baulichen Fortschritts. Vielmehr konzentriert er sich vorzugsweise auf Teilbereiche, die zwar von den Veränderungsplänen betroffen sind, deren Erscheinungsformen aber eher provisorischen Bedingungen unterliegen.
Das jüngste Projekt, an dem Brohm noch im Frühjahr 2010 gearbeitet hat, ist seit 2008 auf der kleinen portugiesischen Insel Culatra entstanden. Dort hat er ganz im Sinne seiner künstlerischen Arbeit einen Landstrich gefunden, der weder exklusives Idyll, noch für den Massentourismus attraktiv ist. Auch hier lassen sich eigenwillig spröde Zeichen einer bescheidenen Nutzung entdecken, Witterungs- und Alterungsspuren sowie mit rudimentären Mitteln vorgenommene Verschönerungs- und Reparaturarbeiten kommen allenthalben zum Vorschein. Brohm folgt dem Fluss der Zeit.
Deutlich wird: Schon früh photographierte Joachim Brohm zur richtigen Zeit die richtigen Bilder, solche, die sich im Kontext einer virulenten Diskussion über den künstlerischen Status der Photographie als eine Pionierleistung erweisen sollten. Seine Arbeiten wurden Ausdruck eines seit den 1970er-Jahren maßgeblichen künstlerischen Selbstverständnisses, das eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern die visuellen Möglichkeiten der Farbphotographie mit einer neu verstandenen "Kulturlandschaft des Alltäglichen" verbinden ließ.
Dabei veranschaulichen Brohms über die Jahrzehnte kontinuierlich erarbeiteten Bildsequenzen auch, wie sehr das Medium und das vom Künstler eigens geschaffene Archiv zu wichtigen, seinen Alltag begleitenden Komponenten geworden sind, die entsprechend einer sich wandelnden Lebenswirklichkeit zur fortwährenden Ausarbeitung und Neubetrachtung herausfordern.
Die Exponate sind mit Ausnahme einiger Arbeiten aus dem Bestand der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, Leihgaben des Künstlers, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Hannover, der Galerie Michael Wiesehöfer, Köln, und aus einer Privatsammlung. Für die Bereitstellung gilt unser besonderer Dank.
Die Ausstellung wird von einer Publikation mit 55 Photographien von Joachim Brohm begleitet, herausgegeben von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln und der Landesgalerie am Oberösterreichischen Landesmuseum im Schirmer/Mosel Verlag.
Weitere Informationen finden Sie unter
www.photographie-sk-kultur.de
www.sk-kultur.de