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Veröffentlicht am 13.11.2007 Artikel drucken
Köln. Die Freude darüber, dass eine beinahe vergessene, originale Photographie von August Sander in den Räumen des Gürzenich-Orchesters eher zufällig, aber wohlbehalten wieder auftauchte, war groß. Vor einigen Monaten fand der Cellist Klaus Schiedermair das Bild in einem Spind.
Mit Hilfe der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur konnte schnell geklärt werden, dass es sich tatsächlich um eine seltene originale Photographie des bedeutenden Kölner Photographen handelt, denn hier wird nunmehr seit über einem Jahrzehnt der Nachlass von August Sander betreut und bearbeitet.
Norbert Glaw, Geschäftsführender Direktor des Gürzenich-Orchesters, übergab heute am Fundort diese wichtige Arbeit als Dauerleihgabe für die Photographische Sammlung an Dr. Hans-Georg Bögner, Geschäftsführer der SK Stiftung Kultur und Gabriele Conrath-Scholl, Leiterin der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur. "Für die Sammlung ist dieses wunderbare Orchesterbild mit Richard Strauss eine große Bereicherung", bedankte sich Dr. Bögner.
August Sander: Gürzenich-Orchester, 1925
Die August Sander-Photographie vom Gürzenich-Orchester, die anlässlich des 94. Niederrheinischen Musikfests entstand, stellt sich als eine für August Sander willkommene und für sein Schaffen bedeutende Auftragsarbeit heraus. Ohnehin mit den verschiedenen Kölner Künstlerkreisen eng vertraut, stand der Photograph der Musik aus eigenem Interesse besonders nahe.
Sander selbst spielte Laute und Gitarre, gehörte schon in Linz an der Donau, wo er zwischen 1902 und 1909 sein erstes Photostudio betrieb, mehreren musikalischen Vereinen an, und generell wurde das Musizieren innerhalb seiner Familie als eine ernsthafte und leidenschaftliche Beschäftigung betrieben.
Als die Familie später nach Köln zog, wo August Sander von 1911 bis in die 1940er Jahre hinein von seinem Köln-Lindenthaler Atelier ausgehend arbeitete, erhielt Sohn Gunther (*1907) beispielsweise Unterricht bei dem Cellisten Willy Lamping, der 1919 in Köln eine Celloschule eröffnete hatte und 1920 das Brühler Schloss-Quartett Kurköln gründete. - Im Zuge dessen nahm August Sander auch ein sehr beeindruckendes Portrait des Cellisten Emanuel Feuermann (1923) auf, der wie Lamping bei Julius Klengel in Leipzig studiert hatte und bereits 1919 im Alter von 17 Jahren Solocellist des Gürzenich-Orchesters war.
Betrachtet man die Photographien, die Sander aus dem Kreis der Musiker seinem berühmten Kultur- und Gesellschaftswerk "Menschen des 20. Jahrhunderts" zuordnete, so trifft man, neben Protagonisten, die heute eher in Fachkreisen bekannt sind, auf große Namen, wie den Komponisten Paul Hindemith (photographiert um 1925), der in den 1920er Jahren vielfach in Köln gastierte, den Dirigenten Wilhelm Furtwängler (1928) sowie den Dirigenten Hermann Abendroth (1921), der zwischen 1915 und 1934 die Gürzenich-Konzerte und die Musikalische Gesellschaft leitete sowie Direktor des Konservatoriums in Köln war. Seit 1922 kam Abendroth auch die Leitung des Niederrheinischen Musikfests zu.
Die großformatige von August Sander signierte Photographie vom Gürzenich-Orchester entstand 1925 eindeutig zu repräsentativen Zwecken, denn nur selten wählte Sander ein so großes Abzugsformat (34 x 50 cm). Es erscheint allerdings vollkommen angemessen, wenn man sich die Gruppengröße mit über 130 Musikern und weiteren Personen vor Augen führt. Zudem war es sicherlich für den Photographen nicht einfach, die gleichzeitige Aufmerksamkeit so vieler Beteiligter zu binden, ist doch technisch bedingt von einer langen Belichtungszeit von mehreren Sekunden auszugehen. Dank der dennoch ausgesprochen guten Wiedergabequalität sind aber sogar die einzelnen Gesichter deutlich zu erkennen, so am Dirigentenpult Richard Strauss und im Vordergrund der Förderer der Kölner Musikszene Dr. Victor Schnitzler.
Zwei weitere wichtige Bilder, die August Sander während der Festivitäten zum 94. Niederrheinschen Musikfest aufgenommen hat, sind ein Einzelportrait von Richard Strauss und eine Gruppenaufnahme, die im Garten der Familie Schnitzler entstand. Abgebildet sind darauf neben dem Ehepaar Victor und Wika Schnitzler, Richard Strauss und sein Sohn Franz, die Mitglieder des Festkomitees Iwan Herstatt und Eugen von Rautenstrauch mit ihren Ehefrauen, Hermann Abendroth mit Gattin und die Sängerin Claire Dux - die von Sander auch noch einmal einzeln portraitiert wurde. Diese hier zusätzlich erwähnten Photographien befinden sich alle als Mappenabzüge zum Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts" in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur und gehören zum wichtigen Kernbestand der Institution.
Genutzt wurden die Bilder jedoch ursprünglich nicht nur als Wandschmuck, sondern sie wurden auch im begleitenden Programmheft zur Veranstaltung abgebildet. Darauf macht Professor Klaus Wolfgang Niemöller in einem lesenswerten Aufsatz aufmerksam, worin er ebenso darüber informiert, dass der Generalmusikdirektor Richard Strauss am zweiten Tag des 94. Niederrheinischen Musikfests in den gerade eröffneten Messehallen in Deutz vor allem eigene Werke dirigierte.(1) Ein weiterer Abzug des Orchesterbildes in kleinerem Format und ein ähnliches Motiv, das von Sander auf 1927 datiert wurde und Hermann Abendroth als Dirigenten zeigt, befinden sich ebenfalls in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur.
Das Bild vom Gürzenich-Orchester vervollkommnet also die Entstehungsgeschichte einer Reihe von Photographien, die im Werkkontext von August Sander von großer Bedeutung sind, aber auch für Köln ein wichtiges Stück Musikgeschichte spiegeln. Übernimmt die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur nun die Photographie vom Gürzenich-Orchester als Dauerleihgabe in ihre Sammlung, so wird sie in den ursprünglichen Zusammenhang eingebunden, konservatorisch einwandfrei versorgt und für die interessierte Öffentlichkeit bereitgehalten.
Damit das großartige Bild aber auch in den Räumen des Gürzenich-Orchesters zu sehen ist, überreichte die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur dem Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor der Stadt Köln, Markus Stenz, im Austausch einen hochwertigen Tintenstrahldruck auf Basis einer digitalen Reproduktion als Geschenk.
1 Klaus Wolfgang Niemöller: "August Sander und die musikalischen Künstler des Kölner Musiklebens der 20er Jahre", in: August Sander und die Kunstszene der 20er Jahre im Rheinland, Hrsg. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, Göttingen: Steidl Verlag, 2000, S. 184-194, hier S. 191 f.