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von Giedre Bartelt
Veröffentlicht am 01.03.2007 Artikel drucken
Fotografische Stilleben von Toomas Kalve/ Estland, Artur Klinau/ Weißrussland, Remigijus Treigys/ Litauen
15. März - 19. Mai 2007. Di – Sa 14 - 18 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 15. März 19 - 21 Uhr
Das Thema der Ausstellung ist durch die Fotoserie des weißrussischen Künstlers Artur Klinau Alice im Land des wahnsinnigen Teetrinkens angeregt worden. Er selbst charakterisiert diesen Zyklus folgendermaßen:
Es sind kurze Fotogeschichten über die Puppe Alice, die in ein merkwürdiges Land gerät, das von merkwürdigen Helden bevölkert ist. In der hier präsentierten Folge wird die Geschichte erzählt, in der Alice auf eine Party von drei Samowaren gelangt, die sich zu einem Trinkgelage verabredet haben.
Artur Klinau - Alisa
Sie trinken viel und essen eine Kleinigkeit dazu. Da findet sich Alice ein. Sie trinkt mit den Samowaren, bis ein vierter dazu stößt. Alle betrinken sich stark, und es beginnt eine echte Orgie. Die Samoware erweisen sich als bisexuell: sie fangen Sex miteinander an und ziehen Alice in ihre Sexspiele hinein. Am Ende fallen alle völlig betrunken vor Erschöpfung um.
Es ist eine unkomplizierte aber realistische Geschichte aus dem Land des wahnsinnigen Teetrinkens. In Zukunft sind weitere Folgen der Abenteuer Alices geplant.
Der Fotozyklus Klinaus paraphrasiert ironisch die berühmte surrealistische Literaturvorlage und setzt sie in mehreren Sequenzen - einem Film vergleichbar - in Szene. Zum Verständnis dieser bizarren Szenerie sei an die fragile politische Situation unter der Präsidentschaft Lukaschenkas in Weißrussland im Speziellen und an den übermäßigen Alkoholkonsum im Alltagsleben bestimmter Bevölkerungsschichten der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten im Allgemeinen erinnert.
Artur Klinau (*1965) zählt zu den vielseitigsten und international aktivsten Kreativen Weißrusslands. Als bildender Künstler arbeitet er mit unterschiedlichen Medien und ist vor allem durch Installationen und Objekte bekannt geworden. Er ist Herausgeber und Chefredakteur des einzigen weißrussischen Kunstmagazins pARTisan.
Klinau ist auch schriftstellerisch tätig: 2006 hat er in Weißrussland ein Bildband mit einem Essay über seine Heimatstadt Minsk publiziert. Der Text ist in stark erweiterter Form Ende 2006 in Deutschland bei Suhrkamp erschienen. (Minsk – Sonnenstadt der Träume). Der Autor wird am 14. März in der Literaturwerkstatt Berlin und während der Buchmesse in Leipzig daraus lesen.
Aus diesem Anlass stellt die Galerie parallel zur Alice – Schau eine Auswahl der Fotografien aus dem Minsk - Projekt Klinaus sowie seine Bücher und das Kunstmagazin pARTisan vor.
Komplementär dazu sind Vilniuser Stadtlandschaften des litauischen Fotografen Vytautas Balcytis (*1958) zu sehen: einer Stadt, die als Hauptstadt Litauens kulturhistorisch von großer Bedeutung auch für Weißrussland ist, und worauf auch Artur Klinau in seinem Essay eingeht. Die Fotoreihe wird durch das Bildband Balcytis` sowie durch das kürzlich bei Suhrkamp erschienene Vilnius - Essay des litauischen Lyrikers und Essayisten Tomas Venclova ergänzt.
Toomas Kalve - Radio
Könnte der erste Teil der Ausstellung als literarisch narrativ bezeichnet werden, so ist der zweite rein fotografischer Natur. Sowohl die Bilder Toomas Kalves als auch die von Remigijus Treigys haben keinen direkten Bezug zur Geschichte Alices. Im weitesten Sinne des Genres sind sie Stilleben, die keine Handlung beinhalten können.
Jedoch wirken die darin vorkommenden Gegenstände, sowohl in den minimalistischen, isolierten Arrangements Treigys’ als auch in den oft bis an die Grenze des horror vacui vollgestellten Stilleben Kalves surreal und verlebendigt. So ist es durchaus vorstellbar, das im nächsten Moment Alice diese merkwürdigen Räume betreten wird oder sie gerade verlassen hat.
Remigijus Treigys - Sofa
Das Befremdliche wird in diesen Bildern mit genuin fotografischen Mitteln erzeugt. Trotz des relativ jungen Alters gehören beide Künstler in ihren Ländern zu unumstrittenen Altmeistern der Fotografie. Sowohl Remigijus Treigys (*1961, Litauen) als auch Toomas Kalve (*1965, Estland) fertigen ihre Silbergelatineabzüge in kleinsten Auflagen und ausschließlich selbst an.
Dabei verwendet Treigys eine Mehrfachtonung, und Kalve tont und koloriert seine Fotos. Der offensichtlichste Unterschied ist bei der Bildgröße zu finden. Treigys bevorzugt große horizontale Formate. Die Größe bei Kalves Bildern ist meist durch technische Mittel bestimmt: er stellt Kontaktabzüge her, die mit Hilfe alter französischer Plattenkameras aus der vorvergangenen Jahrhundertwende entstehen. Eine Tatsache, die seine Fotografien noch näher an die "echte" Alice und ihren Autor rückt.
GIEDRE BARTELT GALERIE
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